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2015.01.17 Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer

Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer
Foto: Förthner

„Das Gier-Virus muss gebändigt werden"
Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer zu Gast im Lutherhaus


GUNZENHAUSEN - Glück ge­habt, das hat jeder in seinem Leben schon einmal. Und jeder kennt auch das Bestreben, dieses wundervolle Gefühl erneut herauf beschwören zu wollen. Daran ist an sich nichts aus­zusetzen, doch was ist, wenn dieses Bestreben zur Sucht wird, wenn das Gier-Virus um sich greift und den Menschen dazu treibt, immer mehr haben zu wollen, immer besser zu sein als der andere? In seinem neuen Buch „Die Gier und das Glück. Wir zerstö­ren, wonach wir uns sehnen" macht sich Friedrich Schorlemmer auf die schwierige Suche nach Antworten auf diese Frage. Einen Einblick in seine Überlegungen gewährte der evangelische Theologe und frühere DDR-Bürger­rechtler nun den Besuchern seiner Lesung im Luther­haus, die das Evangelische Bildungswerk Jura-Alt­mühltal Hahnenkamm, die Katholische Erwachsenen­bildung Weißenburg-Gun­zenhausen und die Gun­zenhäuser Buchhandlung Fischer gemeinsam organi­siert hatten.
Doch die zahlreichen Zu­hörer erlebten viel mehr als eine Lesung im klassischen Sinne. Kein Skript, keine Powerpointpräsentation und auch keine einzige Sei­te aus seinem Buch brauchte der streitbare 70-Jähri­ge, um seine Botschaft un­ter die Leute zu bringen. Eben wie einer, der mit Leib und Seele für seine Idee eintritt, sie verteidigt und für sie kämpft - und das schon viele Male getan hat.
Humorvoll und eloquent
Eloquent, humorvoll und mit kleinen ironischen Sei­tenhieben auf Ost-West-Klischees trat Schorlemmer zunächst zur, wie er selbst sagte, Ehrenrettung der Gier an und verwahrte sich gegen die Denunzierung der sinnlichen, der glückmachenden Bedürfnisse des Menschen beispielsweise durch den Apostel Paulus. „Der Schöpfer hat sich etwas dabei gedacht, uns mit die­sen vielen Sinnen auszustatten", er­klärte der Autor und bekannte sich selbst als Genussmensch, für den der erste Schluck Wein nach der Fasten­zeit ein echtes Glück sein kann, ge­nauso wie eine Umarmung oder ein Kuss.
Für den anderen ist es Glück, dass die Augen im hohen Alter noch funk­tionieren oder dass er ohne Hilfe noch gehen kann. Deshalb lautet seine De­vise, nicht darüber zu jammern, was man nicht mehr kann, sondern dank­bar dafür zu sein, was man noch kann. „Seien Sie nicht neidisch auf andere, schauen Sie selbstbewusst auf das, was Sie können", empfahl er dem Pu­blikum.
Glück ist nach seinen Worten nie ein Zustand, sondern immer „ein heraus­gehobenes Erlebnis". Glück ist dem­nach auch nicht wiederholbar. Zwar kann man etwas ähnliches erleben, aber nie genau diesen unvergesslichen Augenblick, dieses kindliche Glücks­gefühl des ersten Mals, das es zu be­wahren gilt. Außerdem hat es das Glück an sich, vergänglich zu sein. Wunschlos glücklich zu sein, das kann sich der Theologe überhaupt nicht vorstellen. „Man ist dann höchstens zufrieden", gab er zu bedenken und riet, „immer einen Wunsch offen zu haben, bis zum letzten Atemzug." Doch dieses Streben nach der eige­nen Bedürfnisbefriedigung hat eine Schattenseite: die Tendenz, zur Sucht zu werden, immer mehr haben zu wol­len, wie im bekannten Märchen „Vom Fischer und seiner Frau". Nach oben gibt es bekanntlich keine Grenzen, so Schorlemmer weiter. Wer jedoch viel mehr hat, als er braucht, kommt ins „Hoeneß-Prinzip", warnte er und for­derte: „Das Gier-Virus muss gebän­digt werden, um unseren Kindeskin­dern eine gedeihliche Welt hinterlas­sen zu können." Bei all den Gegenanzeigen, wie dem Klimawandel, der Zerstörung von Le­benskreisläufen, den irrsinnigen Spe­kulation mit Boden, Lebensmitteln und Süßwasservorräten und den wei­teren Auswüchsen des Kapitalismus („Hauptsache billig"), ist er in „großer Sorge, dass wir das nicht mehr schaf­fen". Denn eine Gesellschaft, die im­mer mehr will, „vergeht sich an den Ressourcen der Welt." Jeder muss sich die Frage stellen, wieviel Macht er der Gier einräumt und wieviel dem Engel, „der mich zum Glück führt". Denn auch der Mensch ist nur noch eine Ware, in einer Gesellschaft, in der die Gier von der Todsünde zur Tugend ge­worden ist.
Resignation ist keine Option
Die Hoffnung aber, dass eine andere Welt möglich ist, will Friedrich Schor­lemmer nicht aufgeben. Deshalb lau­tet seine Lebensmaxime: „Klar sehen und doch hoffen!" Deut­lich sprach er sich dafür aus, Maß halten zu lernen und die Sehnsucht nach einem gelin­genden Leben mit Zufrieden­heit zu verbinden. Eindring­lich verwies er auf die regiona­le Verantwortung eines jeden Einzelnen. Zu resignieren ist für ihn keine Option, vielmehr gilt „auch dann das Richtige zu tun, wenn man nicht weiß, ob sich das Richtige durch­setzt." Erschreckend findet er den momentanen Konflikt zwi­schen Russland und der Ukrai­ne, und sein Appell fällt, nicht zuletzt mit Blick darauf, dass es dort Atomwaffen gibt, sehr klar aus: „Wir dürfen keine neue Konfrontation mit den Russen wollen!" Der Sozialde­mokrat schaut außerdem mit Sorge auf die Pegida-Bewe­gung, die ihre Anhänger um sich scharrt. Seine Hoffnung ruht darauf, dass durch die schrecklichen Ereignisse in Paris eine Repolitisierung der Menschen passiert und sie er­kennen: „Wir müssen uns kümmern!" In diesem Zusammenhang nur beipflichten könne er den Worten von An­gela Merkel „Fremdheit darf nicht zur Feindschaft werden". Der Diskussionsstoff wird einem politisch denkenden, gebildeten und streitbaren Geist wie Fried­rich Schorlemmer sicherlich nie aus­gehen, und Buchhändler Thomas Fi­scher hatte in seiner Begrüßung den Gästen zu Recht einen besonderen Abend versprochen, für den sich ab­schließend Hausherr Dekan Klaus Mendel bedankte. Schade nur, dass nicht mehr jüngere Leute diese Ideen von einer anderen, maßvollen Welt hören wollten. TINA ELLINGER

 

©  Altmühl-Bote Gunzenhausen, Ausgabe 19. Januar 2015

©  Text und Foto: Tina Ellinger, Altmühl-Bote Gunzenhausen

 

 

2015.01.17 Schorlemmer

Gerne nahm sich der Autor und Theologe Friedrich Schorlemmer nach seinem Vortrag im Luther­haus Zeit, Bücher zu signieren. Foto: Ellinger

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